Warum Belohnung im Hundetraining oft missverstanden wird und keine Bestechung ist

 «Ich möchte nicht, dass mein Hund nur wegen Leckerli hört.»

 

Diesen Satz höre ich als Hundetrainerin sehr häufig. Manchmal wird er ergänzt durch Aussagen wie: «Der Hund soll das aus Liebe machen!» Oder: «Wenn er immer etwas bekommt, ist das doch Bestechung!»

 

Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die bereits mit Belohnungen im Training arbeiten und sich trotzdem fragen, ob sie ihren Hund vielleicht zu sehr «verwöhnen oder damit bestechen». Rund um das Thema Belohnung gibt es also erstaunlich viele Missverständnisse und das, obwohl Belohnung im Training eigentlich ein sehr gut erforschter Mechanismus ist.

 

Eine Belohnung ist in der Lernpsychologie ein Teil der operanten Konditionierung. Dieser Begriff beschreibt vereinfacht einen Lernprozess, bei dem Verhalten durch seine Konsequenzen beeinflusst wird. Wenn auf ein Verhalten etwas Angenehmes folgt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Verhalten in Zukunft wieder gezeigt wird. In der Fachsprache nennt man das positive Verstärkung.

 

Wichtig ist dabei ein Punkt, der oft übersehen wird: Eine Belohnung ist kein moralischer Begriff.

 

Sie bedeutet nicht «verwöhnen» oder «bestechen». In der Wissenschaft bezeichnet eine Belohnung schlicht etwas, das ein Verhalten verstärkt. Und noch etwas Entscheidendes: Eine Belohnung ist nur dann eine Belohnung, wenn sie für den Hund tatsächlich etwas Angenehmes darstellt und das Verhalten häufiger auftreten lässt. Reines Lob und Streicheln zählt in den wenigsten Fällen für Hunde dazu.

 

Der Vorwurf der Bestechung entsteht meist aus einem Missverständnis darüber, wann die Belohnung im Training eingesetzt wird.

 

Bestechung funktioniert so: Der Hund sieht die Belohnung zuerst und zeigt daraufhin ein Verhalten.

Training funktioniert anders: Der Hund zeigt ein Verhalten und danach folgt die Belohnung.

 

Das Verhalten kommt also zuerst, die Belohnung danach. Genau dadurch lernt der Hund, welches Verhalten sich lohnt. Dieser Unterschied ist entscheidend. Belohnung im Training ist deshalb keine Bestechung, sondern eine Rückmeldung über richtiges Verhalten.

 

Wenn von Belohnung die Rede ist, denken viele Menschen sofort an Leckerli. Futter ist tatsächlich ein sehr praktischer Verstärker, weil es schnell verfügbar ist und viele Hunde dafür gut motiviert sind und gerne dafür arbeiten.

 

Aber aus biologischer Sicht gibt es viele verschiedene Dinge, die für Hunde belohnend sein können.

 

Dazu gehören zum Beispiel:

  • Spiel (so, dass der Hund auch wirklich Spass hat)
  • Soziale Interaktion mit dem Menschen (zB darf er an einem hochspringen)
  • Bewegung (er darf frei rumrennen)
  • Schnüffeln und Erkunden der Umgebung
  • Zugang zu interessanten Dingen

 

In der Verhaltensbiologie spricht man hier von Verstärkern. Das sind Dinge, die ein Verhalten wahrscheinlicher machen, weil sie für den Hund etwas Tolles bedeuten. Welche Verstärker besonders gut funktionieren, ist individuell verschieden. Genau deshalb gehört es zu gutem Training, herauszufinden, was der eigene Hund wirklich gern hat und gerne macht.

 

Wenn ein Hund eine Belohnung erhält oder eine Belohnung erwartet, wird im Gehirn unter anderem der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet. Lernen ist kein abstrakter Prozess, es findet im Gehirn statt. Dopamin spielt eine wichtige Rolle bei Motivation und Lernen. Es hilft dem Gehirn dabei, Zusammenhänge zu erkennen: Welches Verhalten hat zu einem positiven Ergebnis geführt? Je klarer dieser Zusammenhang ist, desto schneller kann der Hund lernen.

 

Deshalb ist im Training auch das Timing so wichtig. Die Belohnung sollte möglichst genau in dem Moment erfolgen, in dem der Hund das gewünschte Verhalten zeigt. Nur dann kann sein Gehirn die Verbindung richtig herstellen.

 

Wenn Menschen nun sagen, Belohnung funktioniere nicht, liegt das meist nicht am Prinzip selbst, sondern an typischen Trainingsfehlern, wie dass die Belohnung zu spät kommt, der Verstärker ist für den Hund nicht besonders interessant, der Trainingsschritt ist zu gross oder die Ablenkung ist zu stark.

 

Lernen funktioniert immer schrittweise. Wenn ein Hund ein Verhalten gerade erst lernt, braucht er eine Umgebung, in der er sich konzentrieren kann. Erst später wird das Verhalten unter schwierigeren Bedingungen geübt (Generalisieren).

 

Belohnung im Training ist in erster Linie Information. Sie sagt dem Hund: «Genau dieses Verhalten war richtig.» Denkt an den aus lernbiologischer Sicht einfachen Grundsatz: Verhalten, das sich lohnt, wird häufiger gezeigt.

 

Ein weiteres Missverständnis ist die Vorstellung, dass ein Hund am Ende des Trainings gar keine Belohnungen mehr brauchen sollte. In der Praxis passiert etwas anderes: Die Belohnungen werden mit der Zeit unregelmässiger. In der Lernpsychologie spricht man von variabler Verstärkung. Der Hund weiss also nicht immer genau, wann eine Belohnung kommt, aber er hat gelernt, dass sich das Verhalten grundsätzlich lohnt.

 

Zusätzlich entstehen im Alltag viele natürliche Verstärker: Der Hund darf weiterlaufen, schnüffeln, spielen oder sich frei bewegen. Auch diese Dinge können belohnend wirken.

 

Belohnung im Hundetraining ist somit kein Trick und keine Bestechung. Sie ist ein zentraler Bestandteil von Lernprozessen. Sie hilft dem Hund zu verstehen, welches Verhalten wir uns wünschen. Und sie macht Lernen für beide Seiten klarer und fairer. Er lernt durch Erfahrungen, welche Verhaltensweisen für ihn sinnvoll sind.

 

Vielleicht lässt sich das Ganze deshalb auf einen einfachen Gedanken herunterbrechen:

 

Belohnung ist Kommunikation.

Sie sagt dem Hund: «Genau das war richtig.»