Die alltägliche Gewalt

Was bedeutet eigentlich Gewalt? Misshandlung. Tritte. Sichtbare Brutalität.

Ich denke jeder würde diesen Punkten zustimmen. Aber ist Gewalt wirklich erst das, was sichtbare Spuren hinterlässt?

 

Die WHO definiert Gewalt als «den absichtlichen Gebrauch von körperlicher Kraft oder Macht gegen ein anderes Lebewesen, der zu Verletzung, Tod, psychischem Schaden oder Entwicklungsbeeinträchtigung führen kann.»

 

«Absichtlicher Gebrauch von Macht» … klingt unfair, oder? Dann schauen wir doch mal raus auf die Hundewiese, in die Hundeschule, in den Park und überall dahin wo Menschen ihre Hunde ohne oder unter unseriöser Anleitung «erziehen»:

 

Ein Leinenruck – gern gepaart mit einem Zischlaut. 


Ein am Halsband Hochziehen – ungemein beliebt bei Hunden unter 3 kg. 


Ein Hund, der auf den Rücken gedrückt wird – ahhh Unterwerfung, richtig?


Ein Stupsen in die Flanke – mit Anlauf, 10 cm tief.


Ein Anschreien, bis der Hund einfriert – sie hören aber auch schlecht.


Ein körperliches Blockieren mit Druck – mal zeigen, wer hier der Chef ist.

 

Diese Liste könnte unendlich lang werden.

DAS sind alles Machtausübungen.


DAS ist alles Gewalt.

 

Gewalt funktioniert – Aversive Massnahmen wirken schnell.


Ein Leinenruck unterbricht Verhalten.


Ein lauter Schrei stoppt Bewegung.


Körperlicher Druck erzeugt Meidung.

Warum?

Weil der Organismus auf Bedrohung mit einer Stressreaktion reagiert.
Adrenalin steigt. Cortisol wird ausgeschüttet.
Das Nervensystem geht in Alarmbereitschaft. Verhalten wird gehemmt.

Das ist Neurobiologie. Keine Trainingskunst.

 

Das Problem: Verhaltensunterdrückung ist nicht Lernen.

Lernen bedeutet, dass ein Verhalten verstanden, verknüpft und langfristig verändert wird. Bei Gewalt passiert etwas anderes: Der Hund lernt, Unangenehmes zu vermeiden. Er lernt, dass sein Mensch unberechenbar sein kann. Er lernt, dass Fehler schmerzhaft oder bedrohlich sind. Was innerlich entsteht, ist kein Respekt. Es ist Unsicherheit. Es ist Angst. 

Aber innere Motivation verschwindet nicht. Sie wird nur gehemmt.

 

Nehmen wir mal an, wir wenden Gewalt (also «positive Strafe») lerntheoretisch korrekt (!) an. Das bedeutet:

  • exakt im Moment des Verhaltens (Timing im Sekundenbruchteil)
  • kontingent (jedes Mal, wenn das Verhalten gezeigt wird)
  • ausreichend intensiv, um das Verhalten tatsächlich zu reduzieren
  • konsistent über alle Situationen hinweg 
  • ohne Habituation (also nicht abschwächend mit der Zeit)

funktioniert das tatsächlich. 

 

Allerdings, und jetzt kommt das grosse ABER: Bekommt das niemand hin und diese Methode zieht massive Nebenwirkungen für den Hund nach sich. Chronischer Stress (der dem Hund durch Gewaltanwendung dauerhaft zugefügt wird) beeinflusst das limbische System. 

 

Er verändert Reizverarbeitung und erhöht die Wahrscheinlichkeit für:

  • Meideverhalten
  • erhöhte Reizbarkeit
  • defensive Aggression
  • erlernte Hilflosigkeit
  • reduzierte Explorationsfreude
  • eingeschränkte Problemlösefähigkeit

Das ist gut belegt in der Verhaltensforschung und Stressphysiologie.

 

Und auch beim Menschen passiert etwas: Wer regelmässig Gewalt einsetzt, stumpft emotional ab. Machtausübung aktiviert kurzfristig ebenfalls Stress- und Belohnungssysteme. Kontrolle fühlt sich wirksam an. Schnell wirksam. Das verstärkt das Verhalten des Menschen – nicht das des Hundes. Deshalb hält sich Gewalt so hartnäckig.

Sie funktioniert schnell.
Sie fühlt sich effektiv an.
Und sie erfordert weniger Selbstreflexion.

 

Wir wissen nun also: Gewalt unterbricht Verhalten.
Doch sie erklärt dem Hund nicht, was er stattdessen tun soll. Sie reduziert sichtbares Verhalten – nicht innere Motivation.

Angst ist nicht gleich Verständnis.


Unterwerfung ist nicht gleich Vertrauen.


Stillhalten ist nicht gleich Kooperation.

 

Und jetzt kommen wir zu den Menschen, die sich selbst zum Rudelführer auserkoren haben und meinen, dass Hunde untereinander genau auf diese Weise die "Rangordnung" regeln: 

Ja, Hunde setzen Gewalt ein – aber nicht als Erziehungsmethode.

Innerartliche Aggression dient meist Ressourcenklärung oder Selbstschutz. Sie ist kontextabhängig, kurz, funktional und endet, sobald das Ziel erreicht ist.

Sie ist kein Trainingsinstrument.
Kein pädagogisches Mittel.
KEIN Dauerzustand.

 

Woher kommt denn nun also dieser gewaltbetonte Umgang?

Historisch aus militärisch geprägten Ausbildungsmodellen.


Aus Dominanztheorien, die wissenschaftlich längst widerlegt sind.


Aus einem Weltbild, in dem Hierarchie mit Unterdrückung verwechselt wurde.

Moderne Verhaltensbiologie zeigt seit Jahren:
Kooperation entsteht durch Vorhersagbarkeit, Sicherheit und positive Verstärkung.

Und ja – die Wissenschaft ist hier eindeutig.

 

Warum hält es sich trotzdem?

Weil positive Verstärkung Geduld verlangt.
Timing. Beobachtung. Selbstkontrolle.

Gewalt ist schneller.

Gewalt anzuwenden ist leichter, als das eigene Handeln zu hinterfragen.

Wer ohne Gewalt arbeiten will, muss Fehler aushalten.
Muss sich eingestehen, dass er vielleicht jahrelang falsch gehandelt hat.
Muss Verantwortung übernehmen.

Das ist nicht Unwissen.
Das ist Entscheidung.

 

Wohin geht der Trend?

Die Forschung bewegt sich klar Richtung gewaltfreier, verstärkungsbasierter Trainingsansätze.
Aber gesellschaftlich existieren beide Welten parallel.

Die Frage ist nicht, ob es ohne Gewalt funktioniert.
Das ist wissenschaftlich belegt.

Die Frage ist, ob wir bereit sind, konsequent umzudenken.

 

Ich will nicht sagen, dass wir alles perfekt machen müssen – wir sind Menschen, dazu sind wir emotional gar nicht in der Lage (viel zu reaktiv) aber wir müssen endlich damit aufhören gewalttätigen Hundetrainern eine Bühne zu geben, die diese Methoden als "schnell wirksame Konzepte" verkaufen, besonders beliebt bei Haltern, deren Hunde schon auffällig geworden sind und die oft keinen anderen Ausweg mehr sehen. 

 

Druck erzeugt Gegendruck. Das gilt in der Physik – und im Nervensystem und trotzdem schickt man die besonders aggressiven Hunde zu den besonders aggressiven Trainern. «Der muss mal lernen sich unterzuordnen» Nein, einfach nein. Muss er nicht. Was er lernen muss, ist Sicherheit. Orientierung. Regulation. Dauerhafte Verhaltensunterdrückung ist kein stabiles Lernziel, sondern ein chronischer Stresszustand.

 

Gewalt beginnt nicht mit Schlägen.


Sie beginnt dort, wo Macht wichtiger ist als Beziehung.

Wir stehen uneingeschränkt für gewaltfreies Training und trainieren konsequent, aber immer fair!