Warum hält sich die Dominanztheorie im Hundetraining so hartnäckig?

Wer sich heute mit moderner Verhaltensbiologie und Lerntheorie beschäftigt, stösst relativ schnell auf einen scheinbaren Widerspruch. Viele wissenschaftliche Erkenntnisse über Hunde, etwa zur sozialen Organisation von Wölfen, zur Lerntheorie oder zu Stress und Emotion, sind inzwischen gut dokumentiert. Gleichzeitig begegnet man im Alltag noch immer Aussagen wie:

 

«Der Hund will die Führung übernehmen.» «Der Hund muss lernen, wer der Chef ist.» «Man darf ihm nichts durchgehen lassen, sonst übernimmt er die Kontrolle.»

 

Solche Vorstellungen stammen aus älteren Interpretationen von Tierverhalten, insbesondere aus der sogenannten Dominanztheorie, die lange Zeit die Hundeszene geprägt hat. Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht gilt vieles davon als überholt oder zumindest stark vereinfacht.

 

Die spannende Frage lautet daher, warum sich bestimmte Überzeugungen trotzdem so lange halten. Denn die Art und Weise, wie wir über Hunde denken, entsteht nicht allein durch Fakten, sondern durch Lernprozesse, Erfahrungen und soziale Einflüsse.

 

In der Verhaltensbiologie weiss man: Information allein führt selten zu einem sofortigen Umdenken. Menschen verändern ihre Überzeugungen nicht einfach, weil neue Studien erscheinen oder jemand eine andere Trainingsmethode erklärt. Das liegt daran, dass unser Denken nicht nur rational funktioniert. Ein grosser Teil unserer Überzeugungen entsteht durch Lernprozesse im sozialen Umfeld.

 

Hier kommt ein Begriff aus der Soziologie ins Spiel: Sozialisation. Sozialisation beschreibt den Prozess, durch den Menschen die Normen, Werte und Denkweisen ihrer Umgebung übernehmen. Das gilt für viele Lebensbereiche und eben auch für den Umgang mit Hunden. Wer beispielsweise mit bestimmten Trainingsmethoden aufgewachsen ist, im Fernsehen damit konfrontiert wird oder sie von vertrauten Personen oder Trainern gelernt hat, entwickelt daraus ein stabiles Bild davon, wie Hunde «funktionieren».

 

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu prägte dafür den Begriff des «Habitus». Der Habitus beschreibt vereinfacht ein System aus Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern, das sich im Laufe unseres Lebens entwickelt. Er entsteht aus Erfahrungen, sozialen Einflüssen und Lernprozessen. Man kann sich den Habitus wie eine unsichtbare Brille vorstellen, durch die wir die Welt wahrnehmen.

 

Auf den Umgang mit Hunden übertragen bedeutet das:

  • Wir interpretieren Verhalten anhand unserer bisherigen Erfahrungen
  • wir bewerten Trainingsmethoden aus unserer eigenen Perspektive
  • und wir empfinden bestimmte Herangehensweisen als «richtig» oder «normal», weil wir sie so gelernt haben

 

Der Habitus wirkt dabei meist unbewusst. Er beeinflusst, wie wir Situationen wahrnehmen, ohne dass wir es aktiv merken.

 

Ein weiterer wichtiger Mechanismus aus der Psychologie ist der sogenannte Confirmation Bias. Dieser Begriff beschreibt die menschliche Tendenz, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen. Mit anderen Worten: Wir nehmen besonders leicht wahr, was zu unserem Weltbild passt und übersehen oder relativieren Dinge, die ihm widersprechen.

 

Im Alltag mit Hunden kann das zum Beispiel so aussehen: Ein Mensch ist überzeugt, dass strenge Korrekturen notwendig sind. Wenn der Hund nach einer Korrektur ein Verhalten nicht mehr zeigt, wird das als Bestätigung der Methode interpretiert. Dass der Hund vielleicht aus Unsicherheit, Stress oder Vermeidung reagiert, fällt weniger auf und ist irrelevant, weil diese Erklärung nicht zum bestehenden Bild passt.

 

Wichtig ist: Dieser Effekt betrifft alle Menschen, unabhängig davon, welche Trainingsphilosophie sie vertreten. Confirmation Bias ist kein individuelles Problem einzelner Personen, sondern eine ganz normale Eigenschaft menschlicher Wahrnehmung.

 

Aber viele Überzeugungen im Hundetraining entstehen auch aus persönlicher Erfahrung. Und Erfahrung ist tatsächlich ein wichtiger Bestandteil von Wissen. Allerdings hat Erfahrung auch Grenzen. Menschen neigen dazu, aus einzelnen Beobachtungen allgemeine Regeln abzuleiten. Spätestens im medizinischen Bereich kann das lebensgefährlich sein. Wenn ein bestimmtes Vorgehen einmal scheinbar funktioniert, entsteht schnell der Eindruck, dass es grundsätzlich richtig ist.

 

Die Wissenschaft versucht genau hier anzusetzen. Durch systematische Beobachtung, kontrollierte Studien und wiederholbare Ergebnisse kann überprüft werden, ob ein Zusammenhang tatsächlich besteht oder ob er nur zufällig wirkt. Dadurch ist praktische Erfahrung aber nicht wertlos, sie wird durch wissenschaftliche Erkenntnisse eingeordnet und ergänzt.

 

Wenn man Sozialisation, Habitus und Confirmation Bias zusammendenkt, wird verständlich, warum sich bestimmte Ideen über Hunde lange halten.

 

Veränderung geschieht deshalb selten abrupt. Sie ist meist ein langsamer Prozess, bei dem neue Erkenntnisse nach und nach in bestehende Denkweisen integriert werden. Das lässt sich übrigens in vielen Bereichen beobachten, nicht nur im Hundetraining. Auch in Medizin, Pädagogik oder Psychologie verändern sich Konzepte oft über Jahre oder Jahrzehnte hinweg.

 

Lernen endet nicht mit dem Erwerb von Wissen

Bildung bedeutet auch, eigene Überzeugungen zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Das kann manchmal unbequem sein, weil neue Erkenntnisse bestehende Vorstellungen infrage stellen. Doch genau darin liegt auch eine Chance.

 

Wer bereit ist, neugierig zu bleiben, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und wissenschaftliche Erkenntnisse in die eigene Praxis zu integrieren, erweitert nicht nur sein Wissen, sondern auch seine Möglichkeiten im Umgang mit Hunden.

 

Der Umgang mit Hunden entwickelt sich stetig weiter. Verhaltensbiologie, Lerntheorie und Trainingspraxis liefern laufend neue Erkenntnisse darüber, wie Hunde lernen, kommunizieren und mit ihrer Umwelt umgehen. Wissen entsteht immer im Kontext seiner Zeit. Wir haben die Möglichkeit neue Erkenntnisse zu nutzen und unser Verständnis weiterzuentwickeln.

 

Vielleicht liegt eine der wichtigsten Fähigkeiten im Umgang mit Hunden deshalb nicht darin, immer recht zu haben, sondern darin, bereit zu bleiben, dazuzulernen. Denn genau wie unsere Hunde sind auch wir lernende Wesen.